Sören Erschau

Zwei Räder, bitte

Es gibt diesen bekannten Witz, dass millionenfach mehr Ferrari-Kappen verkauft wurden als Ferrari-Autos. Das ist eigentlich ein unfairer Witz – die Kappe hat zumindest einen praktischen Nutzen: Sie schützt die Augen vor der Sonne und den Kopf vor allem Möglichen. Man munkelt, nach dem Aufsetzen braucht man im Schritt plötzlich etwas mehr Platz.

Diejenigen, die sich ein Rad von Ferrari kaufen, ohne den Ferrari selbst zu besitzen, sind die wahren Pechvögel. Ihr werdet sagen, solche Leute gibt es nicht oder sollte es nicht geben? Doch, die gibt es, und zwar viele. Und ihr kennt garantiert auch welche.

Alle Frischvermählten in Deutschland sind gesetzlich verpflichtet, ein Ferrari-Rad zu kaufen. Anstelle des tatsächlichen Rads erhalten sie – ähnlich wie bei Goldbarren – ein Zertifikat. Das ist für alle Beteiligten einfacher und sicherer. Dieses Zertifikat nennt sich „Heiratsurkunde“ – an dieses kleine Missverständnis haben sich mittlerweile alle so sehr gewöhnt, dass es niemandem mehr auffällt.

Das Zertifikat liegt friedlich in einer Schatulle, und der ganze lustige Zirkus scheint keine große Rolle zu spielen, bis das Paar beschließt, sich scheiden zu lassen. Und dann wird es interessant.

Die Metapher drängt sich quasi auf: Eine Scheidung in Deutschland kostet so viel wie ein Ferrari-Rad.

Schön wär’s. Das wäre viel zu deutsch. Aber wir haben es hier mit einem italienischen Rad zu tun, deshalb ist das Ganze noch viel lustiger: Laut Gesetz muss nach der Scheidung jeder Partner jeweils ein Ferrari-Rad bekommen. Was für ein Glück – eines habt ihr ja schon, sogar mit Zertifikat! Aber ein zweites habt ihr eben nicht. Und das müsst ihr kaufen.

Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass dieses Rad über einen Anwalt gekauft werden muss. Bestellt wird in Italien, und dort gibt es eine Warteliste von zwei Jahren. Während dieser ganzen Zeit muss der Anwalt bezahlt werden. Warum? Na, er kann ja nichts dafür, dass die Italiener so langsam sind.

Mamma mia.

Endlich kommt das Rad an, und ihr werdet geschieden. Man überreicht euch das Zertifikat für den Erwerb des zweiten Rads, das – wieder mal ein Missverständnis – „Scheidungsurkunde“ genannt wird. Jeder ist nun um ein Ferrari-Rad ärmer – inflationsbereinigt eher um anderthalb. Ihr habt irgendwie alles aufgeteilt, atmet auf und fahrt in entgegengesetzte Richtungen davon – oder besser gesagt: Ihr rennt davon. Denn weder mit einem noch mit zwei Rädern kommt man nicht besonders weit. Dafür hat jetzt jeder ein Rad (aus Sicherheits- und Bequemlichkeitsgründen natürlich in Form eines Zertifikats).

Höchstwahrscheinlich seid ihr in all der Zeit nicht ein einziges Mal wirklich Ferrari gefahren. Höchstens einen VW Polo. Das Rad lag die ganze Zeit nur im Kofferraum.

Wie bitte? „Also, ich bin gefahren!“? Na, da schau an. Ihr wart mir schon immer ein Vorbild. Für diesen besonderen Anlass habe ich ein kleines Souvenir für euch: Hier, diese Kappe mit dem tänzelnden Pferd. Tragt sie mit Stolz.