Sören Erschau

Im Anfang waren die Boxen

Als ich im ersten Studienjahr war, gab es noch keine Handys. Eine Uhr hatte ich zu Hause auch nicht, dafür aber eine Pioneer-Stereoanlage. Sie war Kassettenrekorder, Uhr und Wecker in einem – zur eingestellten Zeit konnte sie das Radio oder eine CD einschalten.

Jeden Morgen riss mich Ozzy Osbornes Schrei „I’m just another back street kid“ aus dem Schlaf. Es war ein hervorragender Wecker; ich kann mich nicht erinnern, je verschlafen zu haben. So ging das etwa ein Jahr lang. Bis heute denke ich, wenn ich die ersten Akkorde von „Technical Ecstasy“ höre: Zeit aufzustehen und mich für die Vorlesungen fertigzumachen.

Dann bekam ich ein Handy – plötzlich hatten irgendwie alle eins – und von da an weckte mich der Standard-Wecker meines Nokia 3310, dessen Melodie mir völlig entfallen ist.

Zu Hause lief bei mir immer Musik. In meinem Leben gibt es kaum Tage, an denen ich gar nichts gehört habe. Als der Krieg anfing, habe ich fast einen Monat ohne Musik gelebt – bei Spotify sieht man dieses Loch deutlich, eines von vielen, die der Krieg hinterlassen hat.

In jede neue Wohnung schleppte ich als Erstes Boxen. Meistens mehrere Paare, damit Musik dort war, wo ich war. Dabei hänge ich nicht an Dingen: Bei meinen beiden Ex habe ich insgesamt fünf Paar Boxen zurückgelassen. Vielleicht haben sie sie weggeworfen, vielleicht benutzen sie sie bis heute, ich weiß es nicht. Es ist auch nicht wichtig. Aber ich habe immer wirklich gute Musik aufgelegt.

Auf allen Partys mit Freunden bin ich immer für die Startplaylist zuständig. Was heißt Start? Jede Party kippt irgendwann in den Modus „Spiel doch mal das hier“. Dagegen anzukämpfen ist sinnlos, und nötig ist es auch nicht. Aber alles, was bis dahin läuft, liegt in meiner Verantwortung.

Vor meiner Abreise aus Russland habe ich meine Boxen Freunden gegeben.

Nach Deutschland kam ich mit einem einzigen Koffer und ohne Boxen. Zum Glück sah Gott, unser Vater im Himmel, dass es langsam Zeit war, nicht nur abzugeben, sondern auch einmal etwas zu bekommen, und schickte mir Boxen. Ich zog in meine neue Wohnung ein und fand am nächsten Tag neben den Mülltonnen zwei fantastisch aussehende Sony-Boxen. Stellt euch mal vor: kein Bett, keine Stühle, kein Tisch – aber Boxen. Eine gute Metapher für mein ganzes Leben.

Der Vorbesitzer hatte die Kabel aus irgendeinem Grund fast direkt am Gehäuse abgeknipst. Aber Kabel abzuschneiden ist nicht dasselbe wie zu kastrieren: Für fünf Euro kaufte ich neue Kabel und gab den Sängern ihre Stimmen zurück.

Inzwischen stehen bei mir zu Hause zwei Paar Boxen. Die Sony-Boxen vom deutschen Müll sehen hervorragend aus und funktionieren genauso gut. Und wo Boxen sind, da ist Leben.